Eine Ziegeleindeckung ist eines der wenigen Gewerke, bei denen am Ende fast alles sichtbar ist — und damit auch jeder Kalkulationsfehler. Wer den Verschnitt zu knapp ansetzt, den Firstausgleich vergisst oder bei Steildächern den Mehraufwand für Sicherung nicht abbildet, hat am Ende ein Dach mit Verlust. In diesem Artikel fassen wir zusammen, wie wir Eindeckungen sauber kalkulieren — von der ATV bis zu konkreten Stundenansätzen und EUR-Bandbreiten 2026.
ATV DIN 18338 Dachdeckungs- und Dachabdichtungsarbeiten
Die ATV DIN 18338 ist die Grundlage für Eindeckungen mit Ziegeln, Dachsteinen, Schiefer und Faserzement. Wichtige Inhalte:
- Anwendungsbereich: Decken und Abdichten geneigter Dächer ab 22° Regeldachneigung (Ziegel) bzw. nach Produktangabe.
- Stoffe: Verweis auf DIN EN 1304 (Tondachziegel), DIN EN 490 (Betondachsteine), DIN EN 13501-1 (Brandverhalten).
- Ausführung: Verlegung in Verbindung mit dem Fachregelwerk des ZVDH (Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks) — den „Regeln für Dachdeckungen”.
- Nebenleistungen: Anschluss an aufgehende Bauteile bis 0,5 m², Einrichten, Schneiden, kleinere Anpassungsarbeiten.
- Besondere Leistungen: Unterdach (verschweißt, nageldichtungsdichte Unterdeckung), Sturmklammerung, Schneefangsysteme, Aufdachdämmung.
Das Fachregelwerk des ZVDH unterscheidet regelgerechte Ausführung (Dachneigung ≥ Regeldachneigung) von erhöhten Anforderungen (höhere Anforderung an Regensicherheit, geringere Dachneigung) und definiert dafür Zusatzmaßnahmen wie Unterdeckungen, Unterspannbahnen oder Unterdächer.
Ziegelarten und ihre Einsatzbereiche
| Typ | Eigenschaft | Eindeckaufwand | Regeldachneigung |
|---|---|---|---|
| Tondachziegel Doppelmulde | Standard, viele Hersteller | mittel | 22° |
| Tondachziegel Flachdachziegel | flaches Profil, modern | mittel | 22°–25° |
| Biberschwanz | klein, traditionell | hoch (Kronen-/Doppeldeckung) | 30°–40° |
| Reformziegel | Doppelfalz, sturmsicher | mittel | 22° |
| Betondachstein | preiswert, schwerer | mittel | 22°–25° |
| Naturschiefer | hochwertig, kleinteilig | sehr hoch | 25°–30° |
Tondachziegel Doppelmulde und Flachdachziegel sind im EFH/MFH-Bereich Marktstandard. Bei denkmalgeschützten Häusern und im Altbau ist der Biber häufiger — und kalkulatorisch eine andere Liga, weil ca. 36 Biber pro m² statt 10–12 Doppelmulden verlegt werden.
Schichtaufbau geneigtes Dach (von außen nach innen)
- Dachziegel auf der Traglatte.
- Traglattung (z.B. 30/50 mm Latte, Abstand abhängig von Decklänge des Ziegels).
- Konterlattung (30/50 mm, schafft Belüftungsebene oberhalb Unterspannbahn).
- Unterspannbahn (diffusionsoffen, sd-Wert ≤ 0,30 m), als Behelfsdeckung und Regensperre während Bauphase.
- Sparren + dazwischen ggf. Aufsparren- oder Zwischensparrendämmung.
Bei erhöhten Anforderungen (geringe Dachneigung, exponierte Lage) kann eine regensichere Unterdeckung (verklebte Bahn) oder ein wasserdichtes Unterdach (verschweißte Bahn) erforderlich werden.
Kalkulationsbeispiel: 200 m² Tondachziegel Doppelmulde, 45° Neigung
Eine klassische EFH-Eindeckung. Bandbreiten Frühjahr 2026:
| Position | Menge | EP | Summe |
|---|---|---|---|
| Tondachziegel Doppelmulde inkl. ~8 % Verschnitt | 200 m² | 22–30 EUR/m² | 4.400–6.000 EUR |
| Unterspannbahn diffusionsoffen | 200 m² | 3–5 EUR/m² | 600–1.000 EUR |
| Konterlattung 30/50 mm (~3 lfm/m²) | 600 lfm | 1,50 EUR/lfm | 900 EUR |
| Traglattung 30/50 mm (~3,5 lfm/m²) | 700 lfm | 2,00 EUR/lfm | 1.400 EUR |
| Firstziegel inkl. Befestigung | 12 lfm | 25 EUR/lfm | 300 EUR |
| Ortgangziegel | 22 lfm | 15 EUR/lfm | 330 EUR |
| Traufgitter / Lüfterziegel | pauschal | — | 250 EUR |
| Lohn Eindecken (~1,0 Std/m² × 60 EUR/h) | 200 h | 60 EUR/h | 12.000 EUR |
| Lohn Lattung + UDB (~0,3 Std/m²) | 60 h | 60 EUR/h | 3.600 EUR |
| EKT vor Zuschlägen | ~24.000 EUR |
Mit Zuschlägen BGK 10 % (Gerüst, Hebebühne, Sicherung), AGK 9 %, WuG 6 % (ca. 27 % multiplikativ) landen wir bei rund 30.500 EUR netto — also etwa 152 EUR/m². Das ist Marktrealität für eine saubere EFH-Eindeckung mit hochwertigem Ziegel inklusive Konter-/Traglattung und Unterspannbahn (Gerüst je nach Aufstellort und Standzeit ggf. extra).
Stundenansätze nach Ziegelart
| Ziegelart | Lohnstunden pro m² (reines Eindecken) |
|---|---|
| Tondachziegel Doppelmulde | 0,9–1,2 |
| Flachdachziegel | 1,0–1,3 |
| Reformziegel mit Sturmklammer | 1,1–1,4 |
| Biberschwanz Kronendeckung | 1,8–2,5 |
| Biberschwanz Doppeldeckung | 1,5–2,0 |
| Betondachstein | 0,8–1,1 |
| Naturschiefer altdeutsche Deckung | 2,5–4,0 |
Dazu kommt Lohn für die Lattung (0,2–0,4 Std/m²), für die UDB (0,1–0,2 Std/m²) und für First-, Grat-, Ortgang- und Traufdetails (typisch 0,3–0,8 Std je lfm).
Sturmklammern und Windsoglasten
Nach DIN EN 1991-1-4 (Windlasten) und dem ZVDH-Fachregelwerk müssen Ziegel je nach Windzone, Geländekategorie und Gebäudehöhe gegen Abheben gesichert werden. Im Bestand wird häufig nur jede dritte oder fünfte Reihe geklammert; im Neubau in Windzone 2–4 wird in der Regel jeder Ziegel im Rand-/First-/Ortgangbereich und im Mittelfeld zumindest jeder zweite geklammert.
Klammerkosten: ca. 0,05–0,08 EUR/Stück Material, 0,5–1,0 Min Lohn pro Klammer. Bei 200 m² Doppelmulde mit ca. 2.000–2.400 Ziegeln kommt da schnell ein vierstelliger Lohnaufwand zusammen — der oft unterschlagen wird.
Verschnitt — der unterschätzte Faktor
Im LV stehen 5 % Verschnitt, der Dachdecker rechnet pauschal mit. In der Praxis sind 5 % nur bei rechteckigem Pultdach realistisch. Faustregeln:
- Pultdach, rechteckig: 4–6 %.
- Satteldach mit Gauben: 7–10 %.
- Walmdach, viele Grate: 10–14 %.
- Krüppelwalm, Schleppgaube, Zwerchhaus: 12–18 %.
Wer 200 m² zu 5 % statt zu 12 % rechnet, fehlen am Ende rund 14 m² Ziegel — bei 25 EUR/m² Material plus Lieferung schnell 400–500 EUR weg, plus Standzeit der Kolonne wegen Nachlieferung.
Pitfalls aus der Praxis
- Firstmaß aus Skizze statt Aufmaß — bei Walmdächern weicht das ausgeführte Maß oft um 5–10 % vom Plan ab.
- Lüfterziegel und Dunstrohre vergessen — Bad-, Küchen- und Heizungsentlüftung sind je 1–3 Stück pro Dach, je 80–250 EUR Material.
- Anschluss an Schornstein, Wandanschluss — bis 0,5 m² Nebenleistung nach ATV, alles darüber separat ausschreiben.
- Schneefang vergessen — nach Landesbauordnungen über Eingangsbereichen, Verkehrswegen und Aufenthaltsbereichen Pflicht.
- Gerüst nicht eingerechnet — Standgerüst 5–9 EUR/m² Gerüstfläche/Monat, je nach Standzeit oft 3-stellig pro Tag.
- Sicherung der PSAgA, Anschlagpunkte — Pflicht nach DGUV V 38 ab 3 m Absturzhöhe; wer ohne Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz kalkuliert, kalkuliert illegal.
- Aufdachdämmung „im LV erwähnt” aber Aufbauhöhe nicht beachtet — Aufdachdämmung mit 14–22 cm verschiebt First- und Ortgangmaße und braucht andere Sparrenschrauben.
Bei verwinkelten Dächern mit Gauben, Krüppelwalmen und Anschlüssen ist die manuelle Mengenermittlung aus dem LV fehleranfällig — Tools wie Vergabescanner lesen die Massen und Detail-Positionen direkt aus dem LV-Dokument und prüfen, ob First, Ortgang, Grat und Traufe vollständig erfasst sind.
FAQ
Welche Regeldachneigung gilt für Tondachziegel Doppelmulde?
Nach DIN EN 1304 und Herstellerangaben üblicherweise 22°. Bei geringerer Dachneigung sind Zusatzmaßnahmen nach ZVDH-Regelwerk erforderlich — Unterdeckung, regensichere Unterdeckung oder wasserdichtes Unterdach, je nach Differenz zur Regeldachneigung.
Wie viel Konter- und Traglattung pro m²?
Konterlattung folgt der Sparrenteilung (meist 70–90 cm Achsabstand) → ca. 1,2–1,5 lfm/m². Traglattung folgt der Decklänge des Ziegels (typisch 34–36 cm) → ca. 2,8–3,2 lfm/m². Faustformel zusammen ca. 4 lfm Latte pro m² Dachfläche.
Was kostet eine Aufdachdämmung als Aufpreis?
Aufdachdämmung mit 16 cm PIR und Holzweichfaser-Oberlage liegt bei 80–130 EUR/m² Material plus 0,5–0,8 Std/m² Lohn. Zusätzlich Mehrlängen Sparrenschrauben und längere Konterlattung kalkulieren.
Welche Versicherung deckt ein „blankes Dach” während Bauphase?
Die Bauleistungsversicherung des Bauherrn deckt typisch Witterungsschäden, wenn das Dach nach den ZVDH-Regeln behelfsgedeckt ist (z.B. notdichte Unterspannbahn, Plane). Wer die Unterspannbahn als Notdach kalkuliert, sollte das im Angebot explizit erwähnen und die Bauphase begrenzen.