Gewerke-Spezifika

Elektroinstallation Wohnungsbau richtig kalkulieren

NYM-Verlegung, Schalter/Steckdosen, Verteiler und Smart-Home — wie Elektrobetriebe ihre Wohnungsbau-Angebote realistisch ansetzen.

Die Elektroinstallation im Wohnungsbau ist auf den ersten Blick gut kalkulierbar — Räume zählen, Schalter zählen, fertig. In Wahrheit ist sie eines der am stärksten von Ausstattungsstufe, Normen und „neuen Pflichten” getriebenen Gewerke: Photovoltaik-Vorbereitung, Wallbox-Vorrüstung, KNX/BUS, Notbeleuchtung, Brand­melde­anlage. Wer pro Wohnung mit einer Pauschale arbeitet, ohne die Ausstattungsstufe nach RAL-RG 678 zu klären, kalkuliert blind.

ATV DIN 18382 und VDE-Normen

Die ATV DIN 18382 — Niederspannungs-Kabelanlagen regelt:

  • Anwendungsbereich: Niederspannungsanlagen bis 1.000 V AC / 1.500 V DC innerhalb Gebäude.
  • Stoffe und Bauteile: Kabel und Leitungen, Installationszubehör, Verteiler.
  • Ausführung inkl. Verlegung, Anschluss, Prüfung.
  • Nebenleistungen: Schlitze und Durchbrüche bis 50 mm Querschnitt, einfache Wieder­herstellungen.
  • Besondere Leistungen: größere Stemmarbeiten, Brandschutz­schottungen, Mess- und Prüf­protokolle (Anlagen­dokumentation).

Dazu verweist die ATV auf die VDE-Normenreihe:

  • VDE 0100-410 — Schutzmaßnahmen, Schutz gegen elektrischen Schlag.
  • VDE 0100-420 — Schutz gegen thermische Auswirkungen.
  • VDE 0100-430 — Schutz bei Überstrom.
  • VDE 0100-444 — Schutz gegen Überspannungen (seit Oktober 2018 Pflicht für SPDs in Wohngebäuden).
  • VDE 0100-540 — Erdung, Schutzleiter, Potenzialausgleich.
  • VDE 0100-600 — Erstprüfung, Messprotokoll.
  • VDE 0100-722 — Ladeeinrichtungen für Elektrofahrzeuge.
  • VDE 0100-712 — Photovoltaikanlagen.

Und vor allem die RAL-RG 678 (Richtlinie für Elektroinstallationen im Wohnungsbau), die Ausstattungsstufen definiert.

RAL-RG 678 — Ausstattungsstufen

Die Richtlinie unterscheidet drei Hauptstufen (vereinfacht):

  • Stufe 1 (Mindestausstattung) — die Untergrenze der heute akzeptierten Wohnungs­ausstattung. Reicht für einfache Wohnungen.
  • Stufe 2 (Standardausstattung) — heute übliche Ausstattung im Wohnungsbau Mittelpreissegment.
  • Stufe 3 (Komfortausstattung) — höherwertig, mehr Steckdosen, Datennetz in jedem Raum, höhere Strom­kreise.

Pro Stufe steigt die Anzahl von Steckdosen, Schalter, Lichtauslässen und Stromkreisen deutlich.

Pro-WE-Kalkulation 80 m² Standard-WE

Für eine 80-m²-Wohnung (3 Zi-Wohnung) in Mindestausstattung Stufe 1 rechnen wir mit:

PositionMenge
Steckdosenca. 25
Schalter (inkl. Kreuz-/Wechsel-/Serie)ca. 10
Lichtauslässe (Decken/Wand)ca. 12
Stromkreise (Lichtkreise + Steckdosenkreise + Sonderkreise Herd/Bad)ca. 8
FI-Schalter 30 mA2
LS-Automaten B16/B10ca. 10
Türklingel-Anlage / Türsprech­anlage anteilig1
Datendose Cat.6 mind. 1 in Wohnzimmer1

Material- und Lohnaufwand pro WE:

PositionBandbreite
NYM-J 3×1,5 / 5×1,5 / 3×2,5 inkl. Verlegung1.500–2.500 EUR
Schalter, Steckdosen, Rahmen (Standard­serie)500–900 EUR
Wohnungs-Verteiler inkl. FI, LS, Reihen­klemmen600–1.000 EUR
Tür­sprechanlage anteilig300–600 EUR
Datennetz (Patchpanel anteilig + Dose)200–400 EUR
SPD Überspannungsschutz Typ 2 (anteilig, einmal je Verteiler)150–300 EUR
Lohn (30–40 Std × 55 EUR/h)1.650–2.200 EUR
Inbetriebnahme + Mess­protokoll DIN VDE 0100-600200–400 EUR
Summe 80 m² Stufe 15.100–8.300 EUR

In der Praxis landen wir bei 6.500–9.500 EUR/WE Netto für Standard­ausstattung — Stufe 2 liegt 25–40 % darüber, Stufe 3 ungefähr Faktor 1,7.

Stundenansatz

  • Rohinstallation (Schlitzen, Dosen setzen, Kabel verlegen): 18–25 Std/WE.
  • Verteilerbau + Anschluss: 6–10 Std/WE.
  • Feinmontage (Schalter, Steckdosen, Leuchten anschließen): 6–10 Std/WE.
  • Inbetriebnahme + Messprotokoll: 2–4 Std/WE.

Macht zusammen 32–49 Std/WE für Standard­ausstattung. Bei einem SVS von 55–65 EUR/h sind das 1.800–3.200 EUR Lohn pro WE.

KNX / Smart-Home — der Aufpreis

Wer KNX (BUS-basiert) kalkuliert, sollte mit folgenden Aufschlägen rechnen:

  • Basic-KNX (Beleuchtung + Beschattung pro Raum dimm- und schaltbar): +30 % auf konventionelle Kalkulation.
  • Standard-KNX (zusätzlich Heizung Einzelraum­regelung, Szenen): +40–60 %.
  • Premium-KNX (Multiroom-Audio, Visualisierung, Wetterstation, Sicherheits­integration): +80–120 %.

Material­seitig macht das den Unterschied: KNX-Aktoren liegen 3–8× teurer als konventionelle Schalter, dafür entfällt der Aufwand für Wechsel-/Kreuzschaltungen, weil alles über BUS läuft. Bei kleinen Wohnungen lohnt KNX selten, ab 120 m² wird es wirtschaftlich.

Photovoltaik- und Wallbox-Vorrüstung

Seit der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD 2024) und mehreren Landes­bauordnungen ist in vielen Bundesländern eine PV-Pflicht im Neubau eingezogen. Auch ohne PV-Pflicht gehört im Neubau 2026 dazu:

  • Leerrohr DN50 vom Wohnungsverteiler bzw. Hausanschlussraum zum Dach.
  • Vorrüstung Wallbox in Tiefgarage/Carport: 5×6 mm² oder 5×10 mm² CU zum Stellplatz, mit Leerrohr für Steuerleitung.
  • Lastmanagement ab 2+ Wallboxen verpflichtend (TAB der Netzbetreiber).

Kalkulatorisch ist eine PV-Vorrüstung mit 200–500 EUR pro WE einzurechnen, eine Wallbox-Vorbereitung pro Stellplatz mit 600–1.200 EUR (ohne Wallbox selbst).

Sicherheitsbeleuchtung und Brandmelder

Im MFH sind zwei oft übersehene Positionen Pflicht:

  • Notbeleuchtung im Treppenhaus nach Landes­bauordnungen (in vielen Bundesländern ab Gebäudeklasse 4/5). Akku- oder zentralversorgte LED-Sicherheits­leuchten, Funktions­prüfung dokumentiert.
  • Rauch­warn­melder in Schlafräumen, Kinderzimmern und Fluren — bundes­weit Pflicht, Einbau durch Eigentümer/Vermieter. Funkvernetzte Melder kosten ca. 30–60 EUR/Stück Material.

Pitfalls aus der Praxis

  1. Stufen-Verwirrung — LV nennt „Ausstattung nach DIN 18015-2”, das entspricht Mindest­ausstattung Stufe 1. Architekten schreiben aber oft „mindestens Stufe 2” in die Vorbemerkungen. Beides prüfen.
  2. Bad-Steckdose vergessen — DIN VDE 0100-701 verlangt FI 30 mA im Bad; bestimmte Schutz­bereiche dürfen keine Steckdosen. Falsche Position = Mangel.
  3. Herd­anschluss falsch dimensioniert — Standard 5×2,5 mm² mit B16-Sicherung, Herde > 11 kW brauchen größere Querschnitte.
  4. SPD vergessen — seit VDE 0100-444 Pflicht. Typ 2 ist Standard, Typ 1+2 bei Erdung über Blitzschutz.
  5. Brandschutz­schotts — Verteilerräume, Schächte. Eigene Position, gerne übersehen.
  6. Anlagen­dokumentation — Stromkreis­verteilung, Mess­protokolle, Schaltplan, Übergabe an Bauherrn. Pflicht­bestandteil, sonst keine Abnahme.
  7. TAB des Netz­betreibers — Hausanschluss­raum, Zähler­schrank, Wandler­messung bei großen Anlagen — alles vor Ausführung mit Netzbetreiber abstimmen.
  8. Lade­infra­struktur Tief­garage — wenn nur 1 Wallbox kalkuliert wurde, aber Lastmanagement schon Pflicht: rechtlich riskant, Nachrüstung teuer.

Bei MFH-LVs mit 15+ WE und vielen Sonder­positionen (Tiefgarage, Aufzug, Lüftungs­anlage, Brand­melde­anlage) verteilen sich Elektro-Positionen über das ganze LV. Vergabescanner sammelt alle Elektro-Positionen automatisch und stellt sie kompakt nach Wohneinheit und Allgemein­bereich dar.

FAQ

Welche Stromkreise braucht eine Standardwohnung mindestens?

Nach DIN 18015-2 in Mindestausstattung: getrennte Stromkreise für Beleuchtung (mindestens 2), Steckdosen Wohnbereich (mindestens 2), Küche separat, Bad separat, Geräte­anschlüsse (Herd, Waschmaschine, Geschirrspüler) je auf eigenem Stromkreis. Macht typisch 7–9 Strom­kreise plus Sonder­kreise (Klingel, Türöffner, Datennetz).

Wie viele Steckdosen pro Raum sind realistisch?

Stufe 1 nach RAL-RG 678 für ein 18-m²-Wohn­zimmer: 4–5 Steckdosen + 1 Datendose. Stufe 2: 6–8 + 2 Datendosen. Stufe 3: 10–14 + 2 Datendosen + KNX-Tasterpunkte. Im Bad mindestens 1 Steck­dose außerhalb Schutzbereich 1.

Was kostet die Anlagen­prüfung nach VDE 0100-600?

Erstprüfung inkl. Mess­protokoll für eine Standard­wohnung 80 m² mit 8–10 Stromkreisen: 200–400 EUR. Für eine Wohnungs-Haupt­leitung und Zähler­anlage zusätzlich 100–200 EUR. Dokumentation, Schaltplan, Stromkreis­liste sind Teil der Übergabe.

Ist Cat.6 oder Cat.7 sinnvoll?

Cat.6A ist 2026 Standard (10 Gbit/s über 100 m). Cat.7 ist als „Kabel-Klasse” zwar höher spezifiziert, aber ohne kompatible Stecker (TERA/GG45) im Wohnungsbau praktisch nutzlos. Praxis-Empfehlung: Cat.6A-Verkabelung, Cat.6A-Dosen, RJ45.

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